22.10.2017

Buch: Ahaus 1933

Gregor Müller: Ahaus 1933. Installation des nationalsozialistischen System. Erschienen im Lit-Verlag Münster, Lit-Geschichte, Bd. 51, Sommer 2004, 176 S., 14,90 €, ISBN3-8258-7479-6.

UWG-Gründungsmitglied Gregor Müller hat mit "Ahaus 1933" eine bisher fehlende Bestandsaufnahme der Machtübernahme und der Herrschaft der Nazis in Ahaus vorgelegt. Das Buch schildert gesellschaftlichen Verflechtungen von Nachbarschaften, Vereinen und Parteien und erklärt, wie es auch in Ahaus, das sicherlich keine Hochburg der NSDAP war, trotzdem zu einer schnellen und reibungslosen Übergabe der örtlichen Politik und Verwaltung kam, wie Widerstand gebrochen wurde.

Rezension aus der Münsterland-Zeitung, 03. Juli 2004

Ahaus 1933: Vielfältige Verflechtungen

Von Stefan Grothues. Ahaus - Eigentlich hatte Gregor Müller eine politische Biographie schreiben wollen: über Johannes Ridder, der von 1921 bis 1951 als Bürgemeister und Stadtdirektor der erste Mann im Ahauser Rathaus war. "Wie konnte es sein", so fragte sich Müller, "dass ein Mann drei Jahrzehnte diese Position bekleiden kann und dabei drei Staatssysteme durchlebt, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und die Bundesrepublik"?

Je mehr sich Müller in diese Fragen vertiefte, desto mehr Abstand gewann er von der Person Ridders, desto mehr rückten die vielfältigen gesellschaftlichen Verflechtungen von Nachbarschaften, Vereinen und Parteien in den Blickpunkt. Nach mehrjährigen Archivforschungen, Zeitzeugengesprächen und Literaturstudien hat Gregor Müller jetzt das Ergebnis seiner Untersuchungen veröffentlicht: "Ahaus 1933 - Installation des nationalsozialistischen Systems" ist der Titel des 160 Seiten starken Buches, das als Band 51 in der Reihe "Geschichte" des LIT-Verlages erschienen ist.

Einfache Schuld- oder Unschuldszuweisungen sind in Müllers Untersuchung nicht zu finden: "Ich war überrascht, wie verflochten und komplex die Machtstrukturen waren." "Zwischen den Stühlen" Während zum Beispiel Landrat Felix Sümmermann nicht in die NSDAP eintrat, wurde Ridder 1937 Mitglied. Aber, so Müller, Ridder sei nie mit Parteiuniform aufgetreten, sondern habe stets die Uniform des DRK vorgezogen. Das Bild sei uneinheitlich: Mal habe Ridder als Polizeichef Schutzhaftmaßnahmen eifrig umgesetzt, mal schützend seine Hand über Verfolgte gehalten.

Müller: "Er jonglierte am Ende zwischen allen Stühlen, seine Position wurde immer schwächer." Immer stärker dagegen wurde die Partei. Zu den Ahauser Gründungsmitgliedern hätten im August 1932 vor allem die Mittelständler gezählt. 1933 schon gewann die NSDAP 120 Neumitglieder aus allen Schichten. Detailliert zeigt Müller auf, wie Vereine, Kirchen und andere gesellschaftliche Gruppen Brüche und Kontinuitäten von der Weimarer Republik zum so genannten "Dritten Reich" vollzogen. Arbeit geht weiter Der in Danzig geborene Gregor Müller nahm nach seinem Berufsleben als Deutsch- und Relgionslehrer 1990 als 65-Jähriger das Studium der Soziologie, Pädagogik, Philosophie und Geschichte auf, "nicht als Studium im Alter, sondern als Vollstudium", wie er betont.

Schwerpunkt war bis 1996 die Biographieforschung, die in die Veröffentlichung eines Buches über seine Heimatstadt Danzig mündete. Müller plant weitere Forschungen über den Nationalsozialismus in Ahaus. "Ich hoffe auf viele Reaktionen auf mein Buch und darauf, dass ich neue Materialien wie Fotos, Schriftstücke, Parteibücher, Orden oder ähnliches aus den 30er und 40er Jahren zur Verfügung gestellt bekomme."